... Lernen in Neckarbischofsheim

Publikum konnte digital teilhaben

Die 23. Fachtagung zog rund 200 Teilnehmende an. Vorträge wurden live übertragen.

Bei ihrer 23. Fachtagung ging die Fachschule für Sozialwesen der Johannes-Diakonie neue Wege. Wegen der Corona-Beschränkungen verlegten die Organisatoren die traditionsreiche Veranstaltung größtenteils ins Internet. Rund 200 Teilnehmer hatten Gelegenheit, via Web Vorträge namhafter Referenten zum Thema „Menschen mit Komplexer Behinderung – Was brauchen sie für ein gelingendes Leben?“ mitzuerleben. Die Vorträge der Referenten wurden aus der Aula der Fachschule im Livestream übertragen, Zuschauer hatten die Möglichkeit, über einen Chat Fragen zu stellen, die vorgetragen und von den Referenten vor Ort beantwortet wurden. Die Fachschule gehört zur Bildungs-Akademie der Johannes-Diakonie.

Nach der Eröffnung durch Fachschulleiterin Birgit Thoma begrüßte der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, Dr. Achim Brötel, die Teilnehmenden und Referenten und warf dabei einen analytischen Blick auf das Thema der Fachtagung. Komplex seien die Lebensumstände von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Deshalb sei bei der fachlichen Begleitung von Menschen mit Komplexer Behinderung hochprofessionelles Handeln schlichtweg unverzichtbar, um den Betroffenen das notwendige Maß an Lebensqualität zu sichern. Brötel hob in diesem Zusammenhang das Wirken der Fachschule und ihrer jährlichen Fachtagung hervor.

Wie mehr Lebensqualität für diesen Personenkreis zu erreichen sei, erklärte Dr. Kirsten Fath, Dozentin der Fachschule und Organisatorin der Fachtagung. Sie griff den Gedanken der Selbstbestimmung auf. „Menschen mit Behinderung haben genauso wie wir den Wunsch nach Begegnung, Gemeinschaft, Bewegung“, sagte Fath. „Allerdings ist es oft schwieriger, diese Wünsche zu erkennen und umzusetzen.“ Im fachlichen Austausch wolle die Fachtagung Erkenntnisse hierzu erarbeiten.

Den fachlichen Aufschlag machte die Professorin Dr. Barbara Fornefeld zum Thema „Teilhabe – nur ein Wort“. Sie präsentierte Ergebnisse aus einem aktuellen Forschungsprojekt zu diesem Thema und veranschaulichte Bedürfnisse und Beschränkungen von Menschen mit Behinderung mit vielen Beispielen aus dem Alltag von Betroffenen und Angehörigen. Entsprechend hoch seien die Anforderungen an begleitendes Fachpersonal, deren Bedürfnisse wahrzunehmen. Altersgerechte Bewegungs- und Sportangebote, Kultur oder auch Arbeit – „Teilhabe braucht interdisziplinäre Zusammenarbeit von Fachkräften“, betonte Fornefeld und stellte in diesem Zusammenhang das Instrument „Teilhabewerkstatt“ vor.

Anne Hawranke, gelernte Heilpädagogin, Mutter eines Kindes mit Behinderung und Bloggerin in eigener Sache (www.dasbewegteleben.wordpress.com), berichtete aus dem eigenen Familienalltag und beschrieb, wie sich Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung kreativ befriedigen lassen, etwa mit einem Spielbrett aus Holz, auf dem die Tochter ihre Spielsachen ablegen kann, wenn ihr Arm ermüdet. Beispiele für Barrierefreiheit stellte Hawranke den vielen Hürden gegenüber, auf die Menschen mit Komplexer Behinderung und deren Angehörige im Alltag immer noch stoßen – bis hin zum Unverständnis eines Kinderarztes für die Bedarfe der Tochter. Professor Dr. Wolfgang Lamers beschloss den ersten Tag. Er machte deutlich, warum Teilhabe an Alltag, Arbeit und Kultur bedeutend sei für ein gelingendes Leben – auch bei Menschen mit Komplexer Behinderung.

Um ganz praktische Ansätze für die fachliche Praxis ging es am zweiten Tag der Veranstaltung. Iris Ostermann, Krankenschwester und Pflegedienstleitung, führte aus, wie sich basale Stimulation in einem integrativen Team umsetzen lässt. Zugeschaltet aus München erklärten Martina Drexler und Rainer Grupp, ausgewiesene Experten der Behindertenpädagogik, dem Publikum, wie sich Kommunikation und Interaktion in der Freizeit von Menschen mit Behinderung umsetzen lassen. Roman Mayr, Dozent und Schulkonrektor, lud seine Zuhörer dazu ein, die Welt einmal aus der Sicht von Menschen mit Komplexer Behinderung wahrzunehmen. Er beschrieb anschaulich, wie Teilhabe für diesen Personenkreis über Sinneseindrücke und Bewegungserlebnisse erfahrbar wird.

Am Ende zog Birgit Thoma für die Fachschule eine positive Bilanz der ersten, für das Publikum rein virtuell gehaltenen Fachtagung, die inhaltlich wie organisatorisch Neues ausprobiert hatte. „Es ist uns gelungen, das Thema von verschiedenen Seiten fachlich zu beleuchten“, sagte Thoma. „Das zeigten uns auch die vielen Fragen und Rückmeldungen über unseren Chat.“ Zugleich habe man für kommende Fachtagungen Erfahrungen gewonnen, um noch mehr Service für Teilnehmer zu bieten. Nichtsdestotrotz hofft die Fachschulleiterin darauf, die nächste Fachtagung wieder in der Johanneskirche in Mosbach zu veranstalten, denn „der zwanglose Austausch, die Begegnung macht unsere Fachtagung genauso aus wie kenntnisreiche Vorträge.“

Hinweise zu Vortragspräsentationen

Weitere Vorträge der Fachtagung 2021 können hier aus datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht veröffentlicht werden. Alle Vorträge wird es aber in schriftlicher Form im Fachtagungsband geben. Die Fachschule weist darauf hin, dass die Inhalte der hier veröffentlichten Präsentationen urheberrechtlich geschützt sind.